Infos zum Sehen und zur visuellen Wahrnehmung mit Gleistscihtgläsern

Gleitsichtgläser

Es gibt diese Art von Brillengläsern unter verschiedenen Bezeichnungen wie: Multifocalgläser, Progressivgläser oder Übergangslosegläser, aber auch Markennamen wie „Varilux“, „Gradal“ „Progressiv“ haben, wie in anderen Bereichen auch, als Synonym für die ganze Produktgruppe Bekanntheit erlangt.

Grundsätzlich waren es die Nachteile der bestehenden Produkte die zur Entwicklung dieser Brillenglastypen geführt haben.

Einstärkengläser liefern nur in einer recht begrenzten Raumtiefe ein verbessertes Sehen, wird die Entfernung zu groß, oder zu klein sieht der Träger mit seiner Brille wieder schlechter. Auch empfanden viele Menschen, die sowohl für die Ferne, als auch für die Nähe eine Brille brauchen den Wechsel der Brillen als nicht komfortabel. Bedingt durch die begrenzten Schärfenbereiche brauchen ältere Menschen durchaus schon einmal 3 Brillen.

1. Brille für die Ferne (Autofahren, TV gucken etc.)
2. Brille für die mittleren Entfernungen Arbeit, Haushalt (Computer)
3. Brille für die Nähe, kleine Dinge und Lesen

Sobald diese Entfernungen in einem dynamischen Sehprozeß oft im Wechsel gebraucht werden, steht und stand immer nur eine Brille zur Verfügung, die dann eben auch nur für eine Entfernung optimal war.

Die Bifokalgläser, oder auch 2 Stärkengläser waren der erste Versuch hier mehr Komfort zu schaffen indem in einem Brillenglas 2 Werte für 2 Entfernungen eingeschliffen wurden. Diese Überlegung und Erfindung ging auf den späteren Präsidenten der USA „Franklin“ zurück, der in physikalischen Bereichen bedeutsame Erfinden und Entwicklungen machte. Die Zweistärkengläser hatten neben ihren Vorteilen auch Nachteile. Hier wären die sichtbaren Nahteile, die Zwangshaltung des Kopfes und der Bildsprung beim Blick in das Nahteil als auffälligste zu nennen.

Es gab aber auch positive Aspekte, so eben das abdecken von 2 Entfernungsbereichen. Der 3. Entfernungsbereich, die Arbeitsentfernung in ca Armeslänge 50 - 60 cm wurden bei Nahzusätzen von mehr als 2 Dpt. nicht mehr abgedeckt.

Auch die kosmetische Erscheinung dieser Gläser, senkte die Akzeptanz.

Technisch konnte man schon bald durch das einbringen eines weiteren Nahteils diesen Nachteil und die Lücke in der Entfernung um 60cm schließen, Die 3-Stärkengläser, oder Trifokalgläser waren aber im Gebrauch sehr gewöhnungsbedürftig und auch das Aussehen der Gläser war noch einmal ungewöhnlicher.

Diese Tatsachen und Gedanken führten zur Entwicklung von Gleitsichtgläsern. Diese sollte all das kompensieren oder aufheben, was die anderen Konzepte als Nachteile hatten.

- Ein stufenloses Sehen in allen Entfernungen (Für jede Entfernung in die der Kunde schaut, soll das Gleistsichtglas eine Stärke anbieten, die das Sehen deutlich macht.)
- Eine Brille für alle Entfernungen
- Kein Wechseln der Brillen
- Hohe kosmetische Akzeptanz (Da nicht zu sehen ist das ein Nahzusatz getragen wird.)
- Der gleitende Übergang beseitigt die Bildsprünge



Diese Grundüberlegungen mußten jetzt technisch umgesetzt werden, was nicht ganz so einfach war und auch heute, trotz Großrechnern und extrem moderner Fertigungstechnik, immer noch nicht ist.

Die Grundproblematik besteht darin, das man für unterschiedliche Brillenglasstärken in einem Brillenglas mit unterschiedlichen Radien und damit Brechungen arbeiten muß. Nach der Physik stände einem zwar auch der Brechungsindex als Parameter zur Verfügung, aber dieser Ansatz läßt sich technisch nicht verfolgen. (Eventl ist hier aber mit moderner Kunststofftechnik in naher Zukunft mit weiteren Innovationen zu rechnen).

Die unterschiedlichen Krümmungen in einem Brillenglas kann man sich durchaus so vorstellen wie eine dicke Lupe mit hoher Vergrößerung und eine dünne Lupe mit geringerer Vergrößerung. Schauen wir uns solche Lupen an, so sehen wir, das sie nicht nur unterschiedlich dick sind, sondern eben auch stark abweichende Kurven haben. Die dicke Lupe mit der hohen Vergrößerung ist recht stark gebogen in ihrer Glasoberfläche, die dünne deutlich flacher.

Solche Krümmungsunterschiede in der Glasfläche müssen also in einem Brillenglas untergebracht werden und zwar so, das man es von außen nicht sieht. Das ist der Grund, warum man bei sehr alten Bifokalgläsern (oder auch sog. Exekutivgläsern, wie sie heute noch in der klassischen Strabismus Therapie eingesetzt werden) die Unterschiede nicht nur sehen, sondern tatsächlich fühlen konnte. (Mineralische 2 und 3 Stärkengläser kompensieren einen Teil dieser Problematik mit einem anderen Brechungsindes ihres eingeschmolzenen Nahsegmentes) Bei Gleitsichtgläsern blieb nur eine „Verblendungstechniik“ als Lösung.

Die Peripherie des Brillenglases und damit auch direkt die Peripherie unserer Wahrnehmung wird stark gestört. Die Verzerrungen und Unschärfen des Glases führen dazu, daß der Träger nach Eingewöhnung einen Verlust der Wahrnehmung in bzw. aus diesen Bereichen erfährt, da diese nicht mehr -wie gewohnt- verarbeitet werden können. Es kommt sicher zu einer Adaptation des visuellen Systems, aber die Abbildung durch das Gleitsichtglas bleibt physikalisch unsauber!

Die Berieche die dem Auge beim Blick durch die Nahzonen zur Verfügung stehen sind schmal. Wenn wir es sonst gewohnt sind und waren, mit unseren Augen und deren entsprechende Bewegungen unseren Nah und Arbeitsbereich zu erschließen, ist dies mit einem Gleitsichtglas nicht mehr möglich. Die relativ kleinen und schmalen Bereiche zwingen den Träger dazu mehr mit Kopfdrehungen zu arbeiten, da eine zu große seitliche Blickbewegung schnell in den Unschärfen und Verzeichnungen der Gläser ihre Grenzen für ein gutes Sehen finden. Die Kopfbewegung erfordert aber ein wesentlich höheren Energieeinsatz, denn um unseren Kopf, resp. Nacken zu bewegen werden 26 Muskeln gebraucht und der Kopf ist schwer. Die Augen sind klein, sehr mobil und können von ihren je 6 Muskeln mit extremer Geschwindigkeit und Präzision bewegt werden. Dieser effiziente Mechanismus kann beim Gebrauch von Gleitsichtgläsern nicht in vollem Umfang erhalten bleiben.

Neben den seitlichen Kopfdrehungen, also vermehrter Bewegung in der Horizontalen wird auch eine deutlich veränderte Kopfposition in der Vertikalen beim Gebrauch von Gleitsichtgläsern erforderlich. Der gleitende Übergang die den Nahbereich kann nur von oben aus dem Fernbereich- in den unteren Bereich des Brillenglases erfolgen. Dies ist zwingend, denn bei gerader Kopfhaltung in der Ferne muß dort ein gutes Sehen möglich sein. Diese Voraussetzung bedingt, daß der Kopf beim Blick in die Nähe relativ gerade gehalten werden muß. Das Auge muß also hinter dem Brillenglas nach unten schauen OHNE das der Kopf in gewohnter Weise dieser Blickrichtung folgen darf.

Im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) befinden sich jedoch ein sehr große Anzahl von sog. propriozeptiven Rezeptoren (Stellrezeptoren) welche u.a. eine direkte Verbindung zum visuellen und Gleichgewichts System haben.

Eine Veränderung in der gewohnten Kommunikation dieser Reflexe kann u.a. zu Schwindel, oder sogar Übelkeit führen, was als Gewöhnungsbeschwerden bei Gleitsichtgläsern gar nicht so selten auftritt.

Aber auch hier treten Lern- bzw. Gewöhnungsprozesse ein, denn Reflexe sind adaptationsfähig. (Nach Konrad Lorenz, dem berühmten Verhaltensforscher, die lernfähigen, oder bedingten- Reflexe) Aber eine dauerhafte erzwungene geänderte Kopfhaltung und Bewegung kann auch nachhaltig zu anderen Beschwerden und Veränderungen führen!

Betrachtet man diese Zusammenhänge ergeben sich eben jene Fragen, die auch im Zusammen gang mit erzwungen Kopfhaltungen durch Gleitsichtgläser gestellt werden müssen.

Ausgehend von dieser Diskrepanz das gesamte Konstrukt der multifocalen Brillengläser, steht auf der einen Seite das Sehen also ein extrem agiler und dynamischer Prozeß, auf der anderen Seite ein extrem statisches Brillenglaskonzept.

Wenn also viele statische Bedingungen wie eine exakte Positionierung des Kopfes und der Augen hinter dem Brillenglas nicht erfüllt sind und dann nicht zu den exakt und klar definierten, berechneten Punkten im Brillenglas passen, wird auch kein komfortables Sehen möglich sein.

Also muß ein massiver Lern- bzw. Adaptatiosaufwand eintreten um diese Bedingungen in alltäglichen (dynamischen) Sehprozessen zu beherrschen. Durchaus mit Erfolg bei vielen Menschen, aber eben auch mit sehr vielen Nachteilen für die natürlichen dynamischen Funktionen des Sehens.

Um die statischen Bedingungen der Brillengläser im alltäglichen Gebrauch zu erfüllen und zu verbessern sind in den letzten Jahren immer mehr variable Parameter bei der Berechnung der Brillengläser seitens der Herstellerindustrie eingeflossen. Das Konzept der Individualisierung von Brillengläser ist ein wichtiges Marketinginstrument geworden. Leider führt aber die Einführung von zu vielen Variablen, die u.a. in der Bestimmung der Brillenglasstärke und der Zentrierung der Brillengläser vorgenommen werden müssen, auch zu einer deutlich höheren Varianz, was den möglichen Erfolg wieder reduziert.

Geht man jetzt noch etwas tiefer in das Optometrische, so geht es hier darum neben dem genauen Verhältnisse der Akkommodation auch die sie begleitenden und und massiv beeinflussenden Komponenten wie:

Konvergenz und Vergenzflexibilität Pupillenreaktionen Binokularität Refraktiongleichgewicht gewohnte Phorien Akkommodationsflexibilität egozentrische Raumwahrnehmung gewohnte Kopf und Körperhaltung

Zu vielen dieser Punkte gehören wieder langjährig etablierte Kompensationsmechanismen die häufig zu geänderten Seh- und körperlichen Haltungsgewohnheiten führen und oft ist es gar nicht die eigentliche Unschärfe der Augenlinse, sondern einer oder mehre der anderen Parameter die für undeutliches Sehen verantwortlich sind.

Ein statisches Brillenglas so individuell sein Konzept auch sein mag, stößt hier sehr schnell an seine Grenzen, weil es vom Träger (geänderte) Gewohnheiten voraussetzt und Adaptationen verlangt die sehr oft kaum möglich sind.


Werden die Sehgewohnheiten aber aktiv verändert (z.B. durch ein Training), ist der Einsatz dieser Brillengläser oft gar nicht mehr erforderlich.