Arbeitsrichtlinien

 

Es gibt viele Begriffe die im Zusammenhang mit der Verbesserung des Sehens Verwendung finden z.B.: "Funktionaloptometrie, Winkelfehlsichtigkeit, Augentraining, Visualtraining" um nur wenige zu nennen.

Diese Begriffe und auch die Inhalte finden sich so nicht in den aktuellen und offiziellen
„Arbeits und Qualitätsrichtlinien für Augenoptik und Optometrie“

Ich arbeite nach dieser rechtlich verbindlichen Verordnung (§ 1 Abs. 1 der Verordnung über das Berufsbild, gem. BGBL von 2005) und habe dazu im letzten Jahr ein Aufbaustudium mit einer zusätzlichen Qualifikation und Zertifikation an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena abgeschlossen.

Ich stelle hier mit freundlicher Genehmigung des ZVA (Zentralverbandes der Augenoptik und Optometrie) Auszüge aus der 7.Auflage der Arbeits- und Qualitätsrichtlinien für die Augenoptik und Optometrie von 2018 ein. Nur auf dieser Basis kann eine fachlich fundierte, qualifizierte und rechtlich sichere optometrische Arbeit in diesem Bereich gewährleistet werden.


1.11.2 Festlegen der Art und des Tragemodus der Sehhilfe und/oder der Trainingsstrategie sowie der Art von Sehübungen und ggf. weiterer Hilfsmittel

• altersgerechte Korrektion von Fehlsichtigkeiten: Korrektionsbrillen oder Kontaktlinsen
• erforderliche Akkommodationsunterstützung (plus lens add) bei
• Presbyopen und Nicht-Presbyopen, z.B. bei Akkommodationsinsuffizienz und Konvergenzexzess (Ein- oder Mehrstärken)
• Sondersehhilfen und ergänzende Hilfsmittel bei Sehbehinderung
• Brillengläser mit prismatischer Wirkung, z.B. bei Vergenzstörungen vertikalen Phorien
• monokulare und binokulare Sehübungen im Rahmen eines Sehfunktionstrainings (vision training/therapy) bei visuellen Defiziten
• Wahrnehmungstraining bei Wahrnehmungsstörungen und zur Leistungssteigerung, z.B sports vision training
• Sehverhaltenstraining bei visuellen Störungen im Zusammenhang mit Störungen in Teilsystemen oder im Gesamtsystem Mensch
• Farbfolien (nach Wilkins/Irlen) zur Verbesserung der visuellen Wahrnehmung, z.B. bei Mears-Irlen-Syndrom

5 Versorgung mit monokularen und binokularen Sehübungen

Definition:
• individuelles optometrisches Training (Sehfunktionstraining, vision training/therapy) statischer und dynamischer Leistungsparameter des visuellen Systems mittels Sequenzen von monokularen und binokularen Sehübungen
• das Sehfunktionstraining ist keine Behandlung von Erkrankungen, sondern ein Training von natürlichen Fähigkeiten zur Optimierung visueller Funktionen
• Einzelübungen sind kein Sehfunktionstraining

Ziel:
Aufbauend auf den Ergebnissen einer optometrischen Untersuchung des visuellen Systems, im Besonderen des Binokularsehens mit verschiedenen standardisierten monokularen und binokularen Testen bzw. optometrischen Analyseverfahren (z.B. Integrative Analyse) werden (monokulare und binokulare) Sehübungen zur Verbesserung der visuellen Leistungsfähigkeit und der ihr zugrunde liegenden Funktionen eingesetzt.

Verfahren:

5.1 Trainingsstrategie

• Zusammenfassung der Sehübungen in Trainingseinheiten, die sich i.d.R. über mehrere Termine erstrecken
• Festlegung der Trainingsstrategie und der Art der Sehübungen in Abhängigkeit der visuellen Probleme und Beschwerden des Kunden/Patienten sowie den vorherigen Ergebnissen der monokularen und binokularen Teste ggf. Einsatz einer Trainingsbrille: die Werte können von den Werten der alltäglichen Korrektion abweichen
• Unterweisung zu den Sehübungen im Rahmen eines Trainingstermins
• gezielter Einsatz von Trainingsmaterialien: Brillengläser, Prismen, Filter,
• Okkluder, spezielle Geräte und Hilfsmittel, Computerprogramme
• selbstständige Durchführung/Übung durch den Kunden/Patienten in der Praxis und zu Hause
• regelmäßige Kontrollen

5.2 Bereiche der optometrischen Sehübungen

Die monokularen und binokularen Sehübungen können in folgenden Bereichen eingesetzt werden:
• Okulomotorik / Training von Augenfolgebewegungen und Blicksakkaden
• Vergenz /Training von fusionaler Konvergenz und Divergenz
• Akkommodation / Training von Akkommodationsgenauigkeit und -dynamik
• Interdisziplinäre / Integrative Optometrie
• Suppression
• Training bei zentraler Suppression zur Verbesserung der fovealen Sehfunktion
• Dokumentation
• Trainingsstrategie: Art der Sehübungen, Durchführung, Trainingsmaterial
• Verlauf und Erfolg des Trainings (Messmethode/Beurteilungsmethode zur Erfolgskontrolle)

Interdisziplinäre/Integrative Optometrie

Erläuterungen zur Versorgung mit monokularen und binokularen Sehübungen:
Die optometrische Versorgung mittels monokularer und binokularer Sehübungen erfolgt durch ein individuelles Training statischer und dynamischer Leistungsparameter des visuellen Systems (Sehfunktionstraining, vision training/therapy). Es handelt sich dabei um eine Sequenz von Übungen, die individuell verschrieben und durch einen Optometristen überwacht werden.

Das Training ist keine Behandlung von Erkrankungen, sondern ein Training von natürlichen Fähigkeiten für die Optimierung visueller Funktionen. Dabei handelt es sich um ein individuelles Training der Leistungsparameter des visuellen Systems, das auf den Ergebnissen verschiedener standardisierter monokularer und binokularer Teste bzw. Analyseverfahren aufbaut. Nur wenn eine optometrische Untersuchung des visuellen System durchgeführt wurde und diese ergeben hat, das ein Sehfunktionstraining eine mögliche Versorgungsoption darstellt, wird ein Training vorgeschlagen. Die Ergebnisse der optometrischen Untersuchung sowie die das Training betreffenden Aspekte, z.B. Ziel, Motivation, Dauer, auftretende Veränderungen, müssen vom Optometristen vor Beginn des Trainings erläutert werden.
Die Durchführung der Teste und die Erstellung einer individuellen Trainingsstrategie obliegt dem Augenoptikermeister bzw. Optometrist mit entsprechender Fachkompetenz in Abhängigkeit der Beschwerden und Wünsche des Kunden/Patienten sowie des vorliegenden Problems.

Die Sehübungen können entweder in der Praxis des Augenoptikermeisters/Optometristen und/oder zu Hause durchgeführt werden. Werden die Übungen selbstständig zu Hause durchgeführt, muss eine entsprechende Unterweisung durch den Optometristen in der Praxis erfolgen. Regelmäßige Kontrollen durch den Augenoptikermeister bzw. Optometristen sind während der Trainingszeit notwendig.

Optometrische Sehübungen stehen in enger Verwandtschaft mit klassischen orthoptischen Übungen und werden im anglo-amerikanischen Raum bereits seit Jahrzehnten als etabliertes Verfahren in der Optometrie eingesetzt. In den USA wird unter „vision therapy“ bzw. „vision training“ eine Sehtherapie bzw. ein Sehtraining verstanden, das Übungen zur Behandlung von Binokularstörungen (Vergenz-, Akkommodations- und Augenbewegungs- störungen) beinhaltet (Scheiman & Wick, 2008). Die Übungen werden als ein „Behandlungsverfahren“ bei Binokularproblemen eingesetzt. Dabei soll eine schlecht ausgeprägte Fähigkeit, i.d.R. eine mangelnde Fähigkeit und Kontrolle der Vergenz, durch wiederholtes Üben verbessert werden. Dazu werden Übungen zur Disparitätswahrnehmung, fusionalen Fähigkeiten und Prismendaptation eingesetzt, um eine Heterophorie dadurch ausreichend zu kompensieren. Der therapeutische Ansatz wurde und wird in der anglo- amerikanischen Optometrie erfolgreich für Amblyopie, Strabismus und andere binokulare visuelle Defizite, z.B. Vergenzstörungen, akkommodative Störungen und Okulomotorikstörungen, eingesetzt.



Folgende spezifischen visuellen Defizite können mittels vision training primär oder sekundär therapiert werden:

• Akkommodationsinsuffizienz, Akkommodationsexzess, Akkommodationsinflexibilität
• Konvergenzinsuffizienz, Konvergenzexzess, Divergenzexzess
• allgemeine Esophorie, allgemeine Exophorie
• fusionale Vergenzfehlfunktionen
• vertikale Phorie
• okulomotorische Fehlfunktionen (Augenfolgebewegungen, Sakkaden)
• Fixationsdisparität (engl.: fixation disparity)
• latente Hyperopie

Sehfunktionstraining bzw. vision training/therapy beinhaltet allgemein die Verwendung von Brillengläsern (Ein- oder Mehrstärken), Prismen und anderen Hilfsmitteln (Filter, Okkluder, spezielle Instrumente, Computerprogramme) sowie strukturierte therapeutische Übungen um den gewünschten Erfolg zu erreichen.

Einzelübungen sind kein Sehfunktionstraining.